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Potenzial von Cannabinoid-Medikamenten

//Potenzial von Cannabinoid-Medikamenten

Potenzial von Cannabinoid-Medikamenten

Beim European Health Forum Gastein diskutierten Fachleute über die Anwendungsmöglichkeiten, Wirksamkeit und mögliche Risiken von Cannabinoid-basierten Arzneimitteln und Cannabis.

Cannabisblüten, Foto: Kimzy Nanney

THC als Fertig- oder Rezepturarzneimittel wird in einem Positionspapier der Europäischen Schmerzföderation EFIC bei chronischem neuropathischem Schmerz als Add-on-Therapie empfohlen. Bei anderen chronischen Schmerzen kann THC als individueller Therapieversuch zum Einsatz kommen. Gute Ergebnisse zeigt THC unter anderem auch bei der Behandlung von Chemotherapie-bedingter Übelkeit oder schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose, bei Appetitlosigkeit oder verschiedenen chronisch-entzündlichen Erkrankungen.

Arzneimittel auf Basis der Cannabinoide Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) gewinnen in der Medizin in zahlreichen Anwendungsgebieten an Bedeutung. Erst vor wenigen Tagen wurde erstmals in der EU ein CBD-Fertigarzneimittel zugelassen. Der Einsatz von Cannabisblüten, -blättern oder -harz ist in Europa unterschiedliche geregelt und wird in Expertenkreisen vielfach skeptisch gesehen. Im Rahmen des European Health Forum Gastein diskutierten am 3. Oktober internationale Expertinnen und Experten über die vielfältigen Potenziale und Risiken von Cannabinoid-basierten Medikamenten und Cannabis.

Der medizinische Einsatz der Cannabinoide Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) gewinnt zunehmend an Bedeutung. Erst am 23. September 2019 wurde mit Epidiolex erstmals in den EU-Staaten sowie in Norwegen, Island und Liechtenstein ein CBD-Fertigarzneimittel zugelassen. Epidyolex (Wirkstoff ist Cannabidiol) ist seitdem für die adjuvante Behandlung von Krampfanfällen im Zusammenhang mit Lennox-Gastaut-Syndrom oder Dravet-Syndrom zugelassen.

Wirkungsweise von Cannabinoiden

Das körpereigene Endocannabinoid-System hat vielfältige Regulationsaufgaben im Organismus. CBD und THC docken an den im gesamten Köper vorhandenen CB-Rezeptoren an und entfalten so sehr vielfältige Wirkungen. Wie Prof. Philip McGuire (Department of Psychosis Studies, King’s College, London) beim European Health Forum Gastein berichtete, haben THC und CBD trotz ähnlicher molekularer Struktur höchst unterschiedliche psychopharmakologische Eigenschaften. CBD ist im Gegensatz zu THC nicht psychotrop. „In vielen Gehirnregionen hat CBD die gegenteiligen Wirkungen auf die Gehirnfunktion als dies THC“, erklärte Univ.-Prof. Dr. McGuire. „THC kann bei gesunden Personen akute psychotische Symptome und Angstzustände verursachen, diese Wirkung ist jedoch abgeschwächt, wenn zuvor CBD verabreicht wurde.“

CBD mit vielfältigem Potenzial

CBD habe, so der Experte, das Potenzial für eine neue Behandlungsoption bei psychotischen Symptomen und Angstzuständen. In einer Studie, die in Großbritannien, Polen und Rumänien durchgeführt wurde, zeigten Schizophrenie-Patientinnen und -Patienten nach einer sechswöchigen Behandlung mit CBD nicht nur einen deutlichen Rückgang der Symptomatik, sondern auch eine Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten. Der genaue Wirkmechanismus ist zwar noch nicht erforscht, allerdings beruht er nicht auf dem Dopamin-Rezeptor-Antagonismus herkömmlicher antipsychotischer Medikamente, betonte Univ.-Prof. Dr. McGuire. Derzeit laufen umfangreiche Studien, die den Nutzen von CBD als neue Therapie bei psychischen Erkrankungen klären sollen.

Auf Studien seines Teams zur Wirkung von CBD bei psychischen Erkrankungen verwies in Bad Hofgastein auch Univ.-Prof. Dr. Paul Amminger von der Universität Melbourne.  Im Rahmen einer open label Pilotstudie an 30 Jugendlichen mit Angststörungen im Vorjahr zeigten sich bei 90 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer klinische Verbesserungen, berichtete der Experte: „Bei etwas mehr als der Hälfte der Teilnehmer waren die Verbesserungen sogar deutlich oder sehr deutlich. Angstsymptome gingen dabei durchschnittlich um etwa 50 Prozent vom Ausgangswert zu Studienbeginn zurück. Auch die Verbesserung depressiver Symptome war statistisch signifikant. Diese Verbesserungen sind bei einer zuvor therapieresistenten Patientengruppe bemerkenswert, müssen aber in einer größeren, Placebo kontrollierten Studie bestätigt werden.“

Ebenfalls im Vorjahr konnte in einer Placebo-kontrollierten Studie die klinische Wirksamkeit von CBD (1000mg Tagesdosis) an 88 Patienten mit Schizophrenie, die trotz Behandlung mit Antipsychotika psychotische Symptome hatten, gezeigt werden. „Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass CBD psychotische Symptome über einen neuen zusätzlichen Wirkmechanismus beeinflussen kann. Auch in dieser Studie erwies sich CBD als gut verträgliche und sichere Behandlung“, so Univ.-Prof. Dr. Amminger. „Aufgrund der hohen Sicherheit und guten Verträglichkeit ist CBD auch ein idealer Kandidat, um für die Frühbehandlung beginnender psychotischer Störungen getestet zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen antipsychotisch wirksamen Substanzen ist CBD sogar neuroprotektiv wirksam.“

Es laufen zur Zeit einige randomisierte kontrollierte Studien, die die Wirksamkeit von CBD bei Suchterkrankungen untersuchen. Das Wirkungsspektrum von CBD ist auch darüber hinaus sehr vielfältig. Das soeben in der EU zugelassene Fertigarzneimittel wird bei seltenen und schweren Formen der kindlichen Epilepsie eingesetzt. Hochdosiertes CBD kann in Kombination mit Opioiden und anderen Schmerzmedikamenten auch bei sonst therapieresistenten Schmerzsymptomen eingesetzt werden. Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt, verweist auf die Wirksamkeit der Substanz bei der Behandlung von Patienten mit Glioblastom. „Die Schmerzen dieser Hirntumor-Patienten gehen zurück, ihre depressive Verstimmung und die Schlafqualität bessern sich eindeutig und auch die chronische Erschöpfung lässt nach. Neueste Daten aus einer Fallserie, die wir gerade   publiziert haben, lassen darüber hinaus darauf schließen, dass bei dieser Patientengruppe nicht nur die Lebensqualität verbessert wird, sondern dass sie auch eine längere Überlebenszeit haben.“  Mögliche weitere Einsatzgebiete von CBD sind unter anderem Morbus Parkinson, die Graft-versus-Host-Reaktion bei Transplantationen oder Hauterkrankungen mit starkem Juckreiz.

THC: Vielfältige Anwendung von Übelkeit bis Schmerzen

THC als Fertig- oder Rezepturarzneimittel hat ebenfalls ein potenziell weit gefächertes Anwendungsspektrum. So wird es etwa auch in einem Positionspapier der Europäischen Schmerzföderation EFIC bei chronischem neuropathischem Schmerz als Add-on-Therapie zur herkömmlichen medikamentösen Behandlung empfohlen. Bei anderen chronischen Schmerzen kann THC als individueller Therapieversuch zum Einsatz kommen.

Gute Ergebnisse zeigt THC unter anderem auch bei der Behandlung von Chemotherapie-bedingter Übelkeit oder schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose.

Darüber hinaus gibt es Belege für Anwendungsgebiete wie Appetitlosigkeit, etwa bei Krebspatienten, oder verschiedenen chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Rheumatoide Arthritis oder Darmerkrankungen.

Reinsubstanzen wirksamer und sicherer

Cannabinoide bzw. Cannabis-Zubereitungen sind in unterschiedlichen Formen verfügbar, die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in den einzelnen EU-Staaten aber recht unterschiedlich. Für medizinische Zwecke stehen Fertigarzneimitteln oder in der Apotheke („magistraliter“) zubereitete Arzneimittel aus natürlichen oder synthetischen Reinsubstanzen mit einem sehr hohen CBD- und THC-Anteil zur Verfügung. Diesen stehen Produkte gegenüber, die aus der Pflanze gewonnene Extrakte enthalten, oft in sehr niedriger Dosierung. In einigen Ländern wie etwa Deutschland, Italien, den Niederlanden oder Großbritannien ist medizinisches Cannabis („Cannabis medicinalis“: Kraut, Blüten, Harz) nach ärztlicher Verschreibung freigegeben.

Ob letzteres tatsächlich einen Nutzen bringt ist, sehen viele Expertinnen und Experten skeptisch. Univ.-Prof. DDr. Hans Georg Kress, Vorstand der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie, Medizinische Universität/AKH Wien: „Es gibt keine Hinweise, dass medizinisches Cannabis wirksamer oder sicherer wäre als die bereits verschreibbaren und gut untersuchten Cannabinoid-Reinsubstanzen oder zugelassenen Cannabis-basierte Medikamenten. Diese sind, wie auch die Europäische Schmerzföderation EFIC in ihrem Positionspapier zu Cannabinoiden betont, schon wegen der Dosis- und Anwendungssicherheit, wann immer möglich, dem Konsum von Pflanzenteilen vorzuziehen.“

Im Bereich der Psychiatrie komme bei Personen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren lediglich reines CBD (> 99,5 %) zur Behandlung von Angst, Depression und psychotischen Symptomen in Frage, betonte Univ.-Prof. Dr. Amminger, „da THC Psychosen auslösen oder schon bestehende psychotische Symptome verstärken kann. Zudem kann es verschieden andere psychiatrische Symptome hervorrufen.“

Ruf nach Konsumentenschutz: CBD ins Arzneibuch

Im Zuge des aktuellen „CBD-Hypes“ sind in zahlreichen europäischen Ländern CBD-Extrakte frei erhältlich, die unter anderem als Öle, Tees oder in Nahrungsmitteln verkauft werden. Ihre Verwendung zur Selbstmedikation ist jedoch bedenklich, warnte Univ.-Prof. Dr. Likar, da oft unklar ist, wie viel CBD sie enthalten. „Zudem können sie verunreinigt sein und enthalten immer auch einen gewissen Anteil an THC.“ In Österreich gilt CBD neuerdings als „Novel Food“ und darf ohne Aufnahme in die entsprechende EU-Liste grundsätzlich nicht in den Handel gebracht werden.  Das habe jedoch nicht wesentlich zur Klärung der Lage beigetragen, kritisierte Univ.-Prof. Dr. Kress. „Es wäre im Sinne des Konsumentenschutzes dringend notwendig, dass CBD in das österreichische Arzneibuch aufgenommen und der einfachen Rezeptpflicht unterworfen wird“, fordert Prof. Kress. Auch eine Aufnahme in das Europäische Arzneibuch wäre eine hilfreiche Maßnahme.

Cannabis – viele Fragen zum Abhängigkeitsrisiko ungeklärt

Univ.-Prof. Dr.  Ian Hamilton von der Universität York, Großbritannien, gab in Bad Hofgastein zu bedenken, dass es wenig gesichertes Wissen über die Zahl der Cannabisabhängigen und das Abhängigkeitsrisiko gäbe. Beobachtungsstudien zum „Freizeitgebrauch“ beziffern die Raten von Abhängigkeit bei Personen, die im vorangegangenen Jahr Cannabis konsumiert hatten, mit 0,5 bis zu 42 Prozent. „Solche weit auseinander liegenden Schätzungen sind ein Hinweis, dass es hier Probleme bei der Erhebung der Daten und bei der einheitlichen Diagnose einer Abhängigkeit gibt“, sagte Univ.-Prof. Dr. Hamilton. Das habe auch Konsequenzen für die Politik, die keine zuverlässige Datenbasis für Entscheidungen, zum Beispiel über die Liberalisierung des Cannabiskonsums, hat, so Prof. Hamilton, der für verstärkte Forschungsanstrengungen in diesem Bereich plädierte.

Das Abhängigkeitsrisiko sollte jedenfalls nicht unterschätzt werden, betonte Univ.-Prof. Dr. Amminger: „Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass THC das Risiko, an einer psychotischen Störung zu erkranken, erhöhen. Das Risiko scheint höher zu sein,  wenn der THC Konsum früh im Leben beginnt. THC hat außerdem ein hohes Abhängigkeitspotential und kann zu einer Vielzahl von psychiatrischen Störungen beitragen.“

European Health Forum L2 Medical use of cannabis

Wirksamkeit von Cannabis

„Was den Gebrauch von Cannabis für medizinische Zwecke betrifft, ist die Perspektive der evidenzbasierten Medizin und die der Patienten unterschiedlich”, betonte Paola Kruger, von der European Patient‘s Academy (EUPATI). Patientinnen und Patienten seien auch ohne harte Evidenz häufig aber überzeugt, dass sie von Cannabis profitieren könnten. Um auch ihrer Sichtweise Rechnung zu tragen, entwirft die italienische Gesundheitsbehörde zurzeit eine klinische Studie zum Einsatz von Cannabis bei Multipler Sklerose, die sowohl klinische als auch qualitative Endpunkte hat. „Neben den klinisch-wissenschaftlichen Ergebnissen werden hier also auch Patientenerfahrungen in Bezug auf die Lebensqualität einfließen”, berichtete Kruger in Bad Hofgastein.

Quellen:

European Health Forum Gastein 2019:Workshop Session L2 -Thursday, October 3, 12:00-13:30: Medical use of cannabis and cannabinoids

McGuire et al. Cannabidiol (CBD) as an Adjunctive Therapy in Schizophrenia: A Multicenter Randomized Controlled Trial. Am J Psychiatry 2018;175(3)

Likar et al. Concomitant Treatment of Malignant Brain Tumors With CBD – A Case Series and Review of the Literature. Anticancer Research 2019, doi:10.21873/anticancerres.11xx

Häuser W, Finn DP, Kalso E, Krcevski-Skvarc N, Kress HG, Morlion B, Perrot S, Schäfer M, Wells C, Brill S. European Pain Federation (EFIC) position paper on appropriate use of cannabis-based medicines and medical cannabis for chronic pain management.Eur J Pain. 2018 Oct;22(9):1547-1564

 

Von |2019-10-05T10:54:03+02:005. Okt. 2019|