Unsere Kolumnistin Anja Krystyn gibt regelmäßig Einblick in ihren Alltag mit MS. Sie berichtet über psychische, physische und emotionale Hürden und Freuden mit der Krankheit der 1.000 Gesichter.
Keine Beweise
Plötzlich ist sie in aller Munde − die Erschöpfung. Seit sie als Folge der Covid 19-Erkrankung für manche Menschen zum unüberwindbaren Problem geworden ist, wird Fatigue zumindest als Krankheitsbild anerkannt. Legitim ist dieser Zustand noch lange nicht, wie Aussagen von Krankenversicherung und sogar manchen Ärzten zeigen. Als Ursachen der Erschöpfung werden oft genug psychische Probleme, keine Lust zu arbeiten oder bloß Einbildung vermutet. Solange es keine stichhaltigen Beweise, das heißt Befunde aus dem Labor oder dem MRT gibt, gilt Müdigkeit als Lappalie.
Ich bin erstaunt, dass das Thema überhaupt öffentlich diskutiert wird. Am Beginn meiner Erkrankung, als Müdigkeit das erste und einzige Symptom war, wagte ich sie nur selten anzusprechen. „Hast du die Nacht durchgemacht?“ oder „Dann müssen Sie etwas kürzertreten, dann wird‘s schon wieder“ waren noch harmlose Aussagen, die mich jedes Mal mit schlechtem Gewissen erfüllten. Ohne sichtbare Symptome galt Müdigkeit als Faulheit.
Heute wird Fatigue zumindest als Diagnose anerkannt, für die Sozialversicherungen weiterhin konkrete Beweise und Gutachten fordern. Da kann ich von Glück reden, dass meine Gehbehinderung deutlich sichtbar und die Befunde eindeutig sind. Somit darf ich mich beklagen, dass ich den ganz normalen Alltag nicht allein bewältigen kann. Experten dürfen mir raten, auf die eigenen Energiereserven zu achten, auf die Signale meines Körpers zu hören und ihn nicht zu überanstrengen. All diese Ratschläge hätten mir geholfen, als ich erschöpft, aber ohne klare Diagnose war.
Das wichtigste Problem der Fatigue verstehen die wenigsten. Chronische Müdigkeit kann die Lebensfreude erheblich mindern, da jede Tätigkeit nur gegen großen Widerstand des Körpers durchgeführt werden kann. Das schlägt allmählich auf die Seele, die mit Wut oder depressiven Zuständen reagiert.
Lange schwieg ich darüber, dass ich eigentlich Hilfe gebraucht hätte. „Reiß dich zusammen!“, sagte ich mir und zwang mich zu funktionieren. Erst als ich nach leichter Gymnastik völlig erschöpft das kochende Teewasser, anstatt in die Tasse, über meine Hand goss, begann ich nachzudenken. Um nicht an Mutlosigkeit zu ersticken, musste ich meine Energiereserven selbst einteilen. Nach dem Zubereiten einer Mahlzeit zu müde zum Essen? Dann organisiere jemanden, der für dich kocht. Abends vor Müdigkeit nichts Schickes anziehen können, um ins Konzert zu gehen? Dann bitte jemanden, dir zu helfen. Dinge zu vermeiden ist keine Lösung, auch das musste ich lernen.
Selbst banale Dinge können sich Menschen ohne chronische Erschöpfung kaum vorstellen. Natürlich kann man alles mit weniger Energie erledigen und trotzdem froh sein. „Mache deine Niederlage zum Sieg!“, sagte mir ein wohlmeinender Freund. Mit etwas Übung kann ich die körperlichen Reserven einteilen und alles ändern, was mir früher Selbstbewusstsein gegeben hat − im Sport, meinen Hobbys oder einfach beim Essengehen mit Freunden, wenn mir vor Müdigkeit die Gabel aus der Hand fällt. „Kein Problem, dann bittest du halt jemanden, dir das Fleisch zu schneiden“. Der gut gemeinte Rat ändert nichts an meiner hilflosen Peinlichkeit.
Unsere auf Perfektion getrimmte Gesellschaft mag keine Müdigkeit, schon gar keine Unlust. Ist es die Vermeidung dieser Schwächen, die in Wahrheit zu Fatigue führt?

