Fingolimod

Fingolimod (Gilenya®) ist zur Behandlung der (hoch)aktiven, schubförmig-remittierend verlaufenden Multiplen Sklerose (RRMS) zugelassen – als Alternativtherapie nach einer Behandlung mit Interferon-Beta oder bei einer rasch fortschreitenden, schweren Multiplen Sklerose. Eine schwere Multiple Sklerose ist durch das Auftreten von zwei oder mehr Schüben pro Jahr definiert. Darüber hinaus sollten in der Magnetresonanztomographie (MRT) eine oder mehrere kontrastmittelanreichernde Läsionen nachweisbar sein oder mehr Läsionen als in den Voraufnahmen gefunden werden. 

Der Arzneistoff aus der Gruppe der Immunsuppressiva hemmt die Wanderung von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) aus den lymphoiden Organen ins Blut und senkt so die Zahl der entzündungsfördernden Lymphozyten, die das Zentralnervensystem schädigen können.

Fingolimod ist eine künstlich hergestellte chemische Verbindung, die dem Myriocin – einem Stoffwechselprodukt aus einem Pilz – ähnelt und eine hemmende Wirkung auf das Immunsystem hat.

Das Immunsuppressivum ist seit 2011 in einer Dosis von 0,5 mg pro Tag für Erwachsene zugelassen. Seit November 2018 ist Fingolimod auch für die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Multipler Sklerose zugelassen. Hier richtet sich die Dosis nach dem Körpergewicht: Bis 40 kg Körpergewicht beträgt sie 0,25 mg, über 40 kg Körpergewicht 0,5 mg. Das Medikament wird täglich als Kapsel eingenommen. 

Wirkung

Fingolimod setzt sich an die Bindungsstelle des  Sphingosin1-Phosphat-Rezeptors, der sich in zahlreichen Körpergeweben befindet. In erster Linie entfaltet das Medikament bei Menschen mit Multipler Sklerose seine Wirkung über das Immunsystem. Fingolimod hindert vor allem Lymphozyten (diese zählen zu den Leukozyten und sind vor allem für die Abwehr von Viren verantwortlich) daran, aus den Lymphknoten in das Blut zu wandern. Dadurch gelangen weniger Lymphozyten in das Nervensystem und können dieses nicht mehr schädigen.

Nebenwirkungen

Häufige Nebenwirkungen sind eine Verminderung der Herzfrequenz in den ersten Stunden nach der Einnahme und eine Verminderung der Anzahl weißer Blutkörperchen. Zudem wurden erhöhte Leberwerte beobachtet. Seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen sind Infektionserkrankungen und eine Veränderung des Augenhintergrunds (Makulaödem). Zur Überwachung müssen regelmäßige Blutkontrollen erfolgen. Bei einem vorliegendem Risiko oder entsprechenden Beschwerden müssen spezielle Untersuchungen veranlasst werden.

Aktualisierte Empfehlungen, um das Risiko arzneimittelinduzierter Leberschäden („drug-induced liver injury“, DILI) zu minimieren (Stand vom 10. November 2020)

Illustration_ Körper mit oranger Leber, Credit: Canva

Unter der Anwendung von Gilenya® (Fingolimod) wurden Fälle von akutem Leberversagen, die eine Lebertransplantation erforderten, und klinisch relevante Leberschäden gemeldet. Folgende Aktualisierungen der Handlungsempfehlungen für die Überwachung der Leberfunktion und die Kriterien für einen Therapieabbruch sind für die Risikominimierung arzneimittelinduzierter Leberschäden (drug-induced liver injury, DILI) zu beachten:

  • Leberfunktionstests einschließlich Serumbilirubin sollten vor Therapiebeginn und in den Monaten 1, 3, 6, 9 und 12 der Therapie und danach regelmäßig bis zwei Monate nach Beendigung der Behandlung durchgeführt werden.
  • Bei Abwesenheit klinischer Symptome, falls die Lebertransaminasen:
    • auf mehr als das 3-Fache der Obergrenze des Normalwertes (upper limit norm, ULN), aber weniger als das 5-Fache der ULN und ohne einen Anstieg des Serumbilirubins ansteigen, sollte eine häufigere Überwachung einschließlich Serumbilirubin und alkalischer Phosphatase eingeleitet werden.
    • auf mehr als das 5-Fache der ULN oder auf mehr als das 3-Fache der ULN mit gleichzeitigem Anstieg des Serumbilirubins ansteigen, sollte die Behandlung unterbrochen werden. Falls sich die Serumspiegel normalisieren, kann die Fingolimod-Behandlung unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Bewertung für den Patienten wieder aufgenommen werden.
  • Bei Vorliegen klinischer Symptome, die auf eine Leberfunktionsstörung hinweisen, sollten die Leberenzyme und Bilirubin umgehend überprüft werden und bei Bestätigung einer relevanten Schädigung der Leber sollte Fingolimod abgesetzt werden.

Rote-Hand-Brief zu Gilenya® (Fingolimod) vom 10. November 2020

Schwangerschaft und Stillzeit

Fingolimod ist bei schwangeren Frauen und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine wirksame Verhütungsmethode anwenden, kontraindiziert. Durch die kurze Auswaschzeit von ca. zwei Monaten ist eine Schwangerschaft bei Frauen mit RRMS unter Gilenya gut planbar.
Die Substanz geht im Tierversuch in die Muttermilch über. Da keine humanen Daten vorliegen, soll nicht gestillt werden.

Absetzen

Fingolimod sollte keinesfalls ohne Rücksprache abgesetzt werden. Ein Einnahmestopp kann dazu führen, dass sich die Erkrankung deutlich verschlechtert. Mehrere Fallberichte  haben gezeigt, dass vier bis 16 Wochen nach dem Absetzen des Immunmodulator ein sogenanntes Rebound-Phänomen auftreten kann. Dabei kommt es durch den plötzlichen Wegfall der Hemmung durch Fingolimod zu einem verstärkten Einstrom von Entzündungszellen ins Nervensystem. Dieses Phänomen kann mit erheblicher Krankheitsaktivität einhergehen.

> KKNMS-Patientenhandbuch Fingolimod (PDF)