Bestimmten MS-Betroffenen empfiehlt Kompetenznetz MS 3. Dosis der SARS-CoV-2-Impfung

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sind derzeit der Ansicht, dass eine abgeschlossene SARS-CoV-2-Impfung mit zwei Impfdosen auch bei Personen mit Multipler Sklerose schwere COVID-19-Verläufe hintanhält. Aus diesem Grund empfehlen die Expertinnen und Experten des KKNMS und der DMSG Menschen mit Multipler Sklerose eine Impfung gegen COVID-19 – auch dann, wenn diese aktuell eine Immuntherapie erhalten.

Ärztin kebt Mann Pflaster auf den Oberarm, Foto: CDC via Unsplash

Bei Multiple Sklerose-Betroffenen unter einer Immuntherapie kann die Impfantwort beeinträchtigt sein – derzeit vor allem bei Personen, die mit S1P-Modulatoren oder Ocrelizumab behandelt werden. Dies ist auch bei Menschen mit negativem Anti-S-Antikörpertest der Fall. Diesen Personengruppen empfehlen das KKNMS und die DMSG, sich ein halbes Jahr nach der zweiten Impfdosis eine dritte Dosis mit einem mRNA-Impfstoff verabreichen zu lassen. Dabei ist anzumerken, dass eine dritte Impfdosis nicht unbedingt eine positive Antikörperantwort bewirkt.

Eine in Isreal unter Multiple Sklerose-Betroffenen durchgeführte Studie zeigte kürzlich, dass vor allem Studienteilnehmende, die mit dem S1P-Modulator Fingolimod bzw. dem B-Zell-depletierenden Antikörper Ocrelizumab behandelt wurden, eine niedrige bzw. fehlende humorale Immunantwort (Antikörper gegen das Spike-Protein) nach einer Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer aufwiesen.

Eine in Italien durchgeführte Studie, in der die humorale Immunantwort von Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose verglichen wurden, die mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna bzw. Biontech/Pfizer geimpft worden waren, fand 3,5-fach höhere Antikörperspiegel bei den mit der Vakzine von Moderna geimpften Personen. Dieser Unterschied bestätigte sich auch für MS-Betroffenen unter Fingolimod und mit CD-20-Antikörper.

Aufgrund der Erfahrungen mit Impfungen unter verlaufsmodifizierenden Multiple Sklerose-Therapien ist eine verminderte humorale Antwort für Forschende nicht völlig überraschend. Denn moderne Multiple Sklerose-Therapien weisen ein mehr oder weniger „selektives“ immunsuppressives Potential auf, wodurch sie die Bildung von Antikörpern in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen. Hier liegen bereits für verschiedene Impfungen Daten hinsichtlich des Ansprechens auf unterschiedliche Therapien vor.

Wirkung von COVID-19-Impfstoffen gut belegt

Auch hinsichtlich neuer Virusvarianten ist die Wirkung der COVID-19-Impfstoffe gut belegt. Dabei ist vor allem die Schutzwirkung vor schweren Infektionen mit einem Krankenhausaufenthalt oder einem tödlichen Verlauf über alle Bevölkerungsgruppen hinweg sehr hoch. Die Auswertung von Impfdurchbrüchen zeigt, dass niedrige peri-infektiöse Antikörpertiter ein Infektionsrisiko mit SARS-CoV-2 darstellen und schwere COVID-19-Verläufe trotz Impfung überzufällig häufig bei Patientinnen und Patienten unter einer immunsuppressiver Therapie (u.a. Anti-CD20) auftreten.

Stellungnahme von KKNMS und DMSG

  • Das KKNMS und die DMSG gehen davon aus, dass zunächst eine abgeschlossene COVID-19-Impfung (zwei vollständige Impfungen) auch bei Menschen mit Multipler Sklerose und Immuntherapie ausreichend ist, um schwere COVID-19-Verläufe zu unterbinden. Menschen mit Multipler Sklerose – gleich ob mit oder ohne Immuntherapie – wird daher dringend und mit generell hoher Priorität geraten, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen, da im kommenden Herbst und Winter mit einem hohen Infektionsrisiko zu rechnen ist.
  • Nach aktueller Datenlage ist anzunehmen, dass neutralisierende Antikörper einen guten Surrogatparameter für den Impfschutz darstellen, obgleich auch die T-Zell-Antwort eine wichtige Rolle in der Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe spielt. Neutralisierende Antikörper, insbesondere mit Neutralisation der Deltavariante und anderer „variants of concern“ (VOC), sind nicht routinemäßig messbar. Allerdings zeigt sich eine gute Korrelation zwischen anti-S-IgG bzw. anti-S1-IgG und dem Neutralisationstiter. Anti-S-Antikörper lassen sich im Routinelabor bestimmen. Eine Antikörperbestimmung nach Impfung wird bislang nicht generell empfohlen, da die Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Nachweisverfahren noch nicht gegeben ist und
    allgemein etablierte cut-off Werte bislang noch fehlen. Jedoch ist das Fehlen von antiS-Antikörpern nach vollständiger Impfserie ein deutlicher Hinweis auf eine unzureichende Impfantwort bei Personen unter immunmodulierender Therapie.
  • Für Menschen mit Multipler Sklerose, die mit Immuntherapeutika behandelt werden, die die Impfantwort beeinträchtigen – was zum jetzigen Zeitpunkt insbesondere für Ocrelizumab und S1P-Modulatoren mit Daten gezeigt werden konnte – und solchen mit negativem anti-S-Antikörpertest kann sechs Monate nach der zweiten Impfung eine dritte Impfung gegen COVID-19 mit einem mRNA Impfstoff erwogen werden. Es sei allerdings bemerkt, dass die dritte Impfung nicht zwangsläufig zu einer positiven Antikörperantwort führt.
  • Auch wenn für die dritte Impfung von Risikogruppen noch keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorliegt und damit spezifische medizin-rechtliche Fragen noch offen sind, so lässt sich die Empfehlung aufgrund der derzeitig verfügbaren Evidenz im Rahmen der ärztlichen Fürsorgepflicht rechtfertigen. Zudem konnte gezeigt werden, dass bei Organ-transplantierten, Patientinnen und Patienten unter Hämodialyse sowie immunsuppressiv behandelten Patientinnen und Patienten durch eine dritte Impfung die Rate der Antikörper-positiven Patientinnen und Patienten von 40 % (nach der zweiten Dosis) auf 60 % (nach der dritten Dosis) gesteigert werden konnte. Darüber hinaus hat sich die deutsche Gesundheitsministerkonferenz am 2. August 2021 bereits auf die dritte Impfung von älteren Menschen und Menschen mit Immunschwäche geeinigt, so dass die grundsätzliche Frage einer dritten Impfung für bestimmte Risikogruppen bereits adressiert ist, auch wenn anerkannt wird, dass sich die Situation bei Autoimmunerkrankungen sicherlich besonders darstellt.
  • Es wird davon abgeraten, zugunsten einer dritten Impfung eine laufende Multiple Sklerose-Therapie zu unterbrechen oder abzuändern, da die Risiken hierdurch als deutlich höher bewertet werden als der angenommene Nutzen der Impfung.
  • Es soll nochmals betont werden, dass die Impfkampagne auf eine sehr hohe Impfquote in der allgemeinen Bevölkerung zielt, da hierdurch indirekt auch Multiple Sklerose-Patientinnen und -Patienten, die nach Impfung einen möglicherweise geringeren Impfschutz entwickeln, zusätzlich geschützt werden. Im Einklang mit den Internationalen Empfehlungen der Multiple Sclerosis International Federation müssen Menschen mit Multipler Sklerose, die mit Antikörper-verringernden Therapien behandelt werden, keine Antikörper-Antwort aufbauen und von der Therapie profitieren, auf jeden Fall die Schutzmaßnahmen für sich selbst (Tragen von Masken bei Menschenansammlungen, insbesondere in Innenräumen) beachten.

Quelle: Stellungnahme Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose und Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft vom 6. August 2021