ÖGN-Empfehlungen: Multiple Sklerose und Covid-19-Impfung

In Anbetracht der SARS-CoV2 Impfung in Österreich informieren die Multiple Sklerose-Koordinatoren der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) über aktuelle Entwicklungen zu Multipler Sklerose (MS) und SARS-CoV2/COVID19.

Bitte beachten Sie, dass dieser Beitrag den Informationsstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung am 8. Jänner 2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Informationsschreiben Multiple Sklerose und SARS-COV2/COVID19 #3 (08.01.2020)

Allgemeine Informationen

  • Multiple Sklerose ist grundsätzlich mit keinem erhöhten Infektionsrisiko verbunden.
  • Daher gelten für Menschen mit MS ebenso wie für die Allgemeinbevölkerung die allgemein gültigen Schutz- und Vorsichtsnahmen (von Richtlinien zur Desinfektion, der sozialen Distanzierung bis zur Option des Teleworking/Homeoffice) zur Vermeidung einer COVID-19-Erkrankung.
  • Der Großteil der Betroffenen sind jüngere Erwachsene, die nach derzeitigem Wissensstand von SARS-CoV-2 weniger (stark) betroffen zu sein scheinen.
  • MS-Betroffene können aber zu Personengruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko bzw. Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs gehören (Tab. 1). Dies betrifft vor allem:
    • ältere Personen (> 60 Jahre)
    • Personen mit bestimmten vorbestehenden Begleiterkrankungen (beispielsweise Lungenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumorerkrankungen)
    • Personen, deren  Grad der Behinderung eine deutliche Immobilität oder Bettlägerigkeit bedingt
    • Personen, die wegen einer MS-spezifischen Therapie immunsupprimiert sind oder ein Risiko hierfür haben
Tabelle 1: Risikofaktoren und Risikoeinschätzung für MS Patient*nnen im Kontext der SARS-COV2 Pandemie, Credit: Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Tabelle 1: Risikofaktoren und Risikoeinschätzung für MS Patient*nnen im Kontext der SARS-COV2 Pandemie, Credit: Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Eine Einschätzung, wie viele Multiple Sklerose-Betroffene in Österreich den genannten drei Risikogruppen entsprächen, zeigt eine aktuelle Publikation von G. Bsteh et al. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32978860/).

Übersicht zu bislang in Österreich dokumentierten MS-Betroffenen, die eine SARS-CoV2-Infektion bzw. eine COVID19-Erkrankung erlitten haben

Tabelle: Menschen mit Multipler Sklerose in Österreich mit SARS-CoV2 Infektion, Credit: Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Tabelle: Menschen mit Multipler Sklerose in Österreich mit SARS-CoV2 Infektion, Credit: Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Tabelle: Details zu jenen 7 MS-Patient*innen mit schwerem bis kritischem COVID-19-Erkrankungsverlauf, Credit: Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Tabelle: Details zu jenen 7 Menschen mit Multipler Sklerose mit schwerem bis kritischem COVID-19-Erkrankungsverlauf, Credit: Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Zusammenfassend gibt diese Fallserie einen guten Überblick zu den betroffenen MS-Patientinnen und -Patienten in Österreich, die einerseits weitgehend den Zahlen der Allgemeinbevölkerung mit einer COVID-19-Erkrankung entsprechen (10,8 % schwere COVID-19-Verläufe und 3,1 % mit oder an COVID-19 Verstorbene), und andererseits veranschaulichen/bestätigen diese Ergebnisse die bisherigen Informationen und Handlungsempfehlungen hinsichtlich Risikoeinschätzung und Therapiemanagement.

Empfehlungen zum Management von MS-Betroffenen im Kontext der SARS-CoV-2 Pandemie:

  • Geplante Kontrollen in intra- und extramuralen MS-Zentren sollten in Abstimmung individueller Bedürfnisse/ Notwendigkeiten und unter Berücksichtigung aktueller Vorgaben seitens der Bundesregierung und lokaler Vorgehensweisen wieder in (vermutlich) begrenztem Umfang stattfinden.
  • Es wird aber vielerorts weiterhin sehr empfohlen, geplante Kontrollen, die keiner medizinischen Dringlichkeit unterliegen, möglichst telemedizinisch durchzuführen, beispielsweise telefonisch oder virtuell.
  • Ein akuter Krankheitsschub, dessen Diagnose trotz der gegenwärtigen Pandemie unverändert durch eine Neurologin/einen Neurologen zu stellen ist, soll ebenso unverändert mit der üblichen Standardtherapie mit hochdosiertem Methylprednisolon behandelt werden.

Empfehlungen zu krankheitsmodifizierenden Therapien im Kontext der SARS-CoV-2-Pandemie

  • „Never change a winning team“ – Konzept für alle MS-Betroffenen, die unter aktueller DMT („Disease Modifying Treatment“, krankheitsmodifizierende Therapie) einen stabilen Krankheits- und Therapieverlauf haben: Es soll die aktuelle DMT in unveränderter Dosis, Frequenz und (nach Möglichkeit) üblichem Monitoring beibehalten werden.
  • Bei Anzeichen einer akuten Infektion sollte die krankheitsmodifizierende Therapie zunächst nicht begonnen oder erneut durchgeführt und bis zum vollständigen Abklingen der Symptome verschoben werden.
  • Eine individuelle Risikoabschätzung zu Beginn oder Wechsel (inklusive „Eskalation“) einer Therapie ist wie üblich geboten. Unter speziellem Bedacht der gegenwärtigen Situation wird jedoch eine zusätzliche Berücksichtigung folgender Aspekte empfohlen:
    • Einbeziehung potenzieller Risikofaktoren einer Patientin/eines Patienten (Tab. 1)
    • Einbeziehung eines individuell erhöhten (kurzfristigen) Risikos einer Infektion durch die geplante krankheitsmodifizierende Therapie
    • Kleinere Studien und Einzelfallberichte deuten darauf hin, dass MS- (und auch andere) Patientinnen und Patienten, die immunmodulierende bzw. -supprimierende Therapien erhalten, die keine oder nur eine milde Leukopenie/Lymphopenie verursachen, MÖGLICHERWEISE ein vermindertes Risiko eines schweren COVID-19-Verlaufs haben könnten. Die bisherige Datenlage ist allerdings zu limitiert, um daraus klare Empfehlungen ableiten zu können.
    • Hinweise bezüglich immunsuppressiver Wirkung, Laborkontrollen und temporärer Empfehlungen zu Beginn/Weiterführung von krankheitsmodifizierenden Therapien bei MS im Kontext der derzeitigen SARS-CoV-2-Pandemie wurden in Tabelle 2 zusammengefasst.

SARS-COV2-Impfung für Menschen mit MS

Je größer die Population, die gegen SARS-CoV2 geimpft ist, desto größer die notwendigerweise anzustrebende Herdenimmunität innerhalb einer Bevölkerung – und damit wird auch das Risiko, an Covid-19 19 zu erkranken drastisch minimiert bzw. im günstigsten Fall eliminiert. Daher gibt es in Österreich eine generelle Empfehlung zur SARS-CoV2 Impfung.

Die beiden in Europa aktuell zugelassenen SARS-CoV2 Impfungen sind sogenannte mRNA-Impfstoffe (konzeptuell also Totimpfstoffe), die in großen Studien eine jeweils nahezu 95%-ige Wirksamkeit (inklusive älterer Menschen bzw. jenen mit bekannten Risikofaktoren) zur Verhinderung einer SARS-CoV2-Infektion gezeigt haben.

Die Diagnose MS stellt prinzipiell keine Kontraindikation gegen Impfungen dar.

Impfungen mit Totimpfstoffen können uneingeschränkt bei MS-Betroffenen durchgeführt werden. Somit ist eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV2 auch bei Menschen mit MS möglich und empfohlen.

Da in den nächsten Monaten nur begrenzte SARS-CoV2 Impfdosen zur Verfügung stehen werden, sollten prioritär jene MS-Betroffenen geimpft werden, die laut ein hohes/intermediäres Risiko aufweisen.

Jede Impfung, so auch eine SARS-CoV2-Impfung, kann aufgrund ihres (erwünschten) immunologischen Wirkmechanismus eine Impfreaktion im Sinne von grippeähnlichen Symptomen (Fieber, Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit, u.Ä.) für 24 bis 48 Stunden verursachen. Bei MS-Betroffenen kann eine solche Impfreaktion daher zu einem Uhthoff’schen Phänomen (Pseudoschub) führen.

Bei bestimmten verlaufsmodifizierenden Therapien (Alemtuzumab, Cladribin, Fingolimod, Mitoxantron, Natalizumab, Ocrelizumab, Ozanimod, Rituximab und Siponimod) sind Lebendimpfstoffe kontraindiziert.

Grundsätzlich ist die SARS-CoV2 Impfung, so wie jede andere Impfung (mit einem Tot- oder Lebendimpfstoff), zumindest 6 Wochen vor Beginn einer verlaufsmodifizierenden Therapie empfohlen.

Wenn eine Impfung, so auch eine SARS-CoV2 Impfung, unter laufender verlaufsmodifizierender Therapie erfolgt, dann sind folgende Überlegungen/ Vorgehensweise zu beachten:
a) Zur Wirksamkeit von Impfungen unter laufender verlaufsmodifizierender Therapie gibt es insgesamt nur begrenzte Daten.
b) Anhand bisheriger Erfahrungen mit anderen Impfungen kann angenommen werden, dass unter Therapie mit Dimethylfumarat, Glatiramerazetat, Interferon-ß-Präparaten, Natalizumab und Teriflunomid grundsätzlich ein ausreichender Impfschutz bestehen dürfte.
c) Im Gegensatz dazu kann bei bestehender Therapie mit Fingolimod (analog mit Ozanimod und Siponimod) die Impfantwort vermindert sein.
d) Bei zyklisch verabreichten immunsuppressiven verlaufsmodifizierenden Therapien (Alemtuzumab, Cladribin, Ocrelizumab, Rituximab) sollten Impfungen mit Totimpfstoffen, so auch eine SARS-CoV2 Impfung, frühestens vier Monate nach der letzten Gabe der Therapie durchgeführt werden.
e) Im Zweifelsfall kann der Impfschutz gängiger Impfungen serologisch („Impftiter“) überprüft werden. Dies ist aber für eine SARS-CoV2-Impfung derzeit nicht verfügbar.

Quelle: Österreichische Gesellschaft für Neurologie, 8. Jänner 2021

Weiterführende Informationen

Informationsschreiben Multiple Sklerose und SARS-COV2/COVID19 #3 (08.01.2020)

Webseite des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz

Das Sozialministerium hat gemeinsam mit der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) eine Info-Hotline zur Impfung gegen das Coronavirus eingerichtet. Unter der Telefonnummer 0800-555-621 kann man Fragen zur Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe stellen. Die Hotline ist sieben Tage die Woche, rund um die Uhr erreichbar.

 

Corona-Virus schwebt über einer Hand vor weißem Hintergrund, Text: Unsere Blog-Beiträge zum Thema Corona, Credit: Canva