Miras Geschichte: Mein Körper gibt den Flow vor
Seit ihrer Diagnose mit Multipler Sklerose im Jahr 2017 ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper zu einem prägenden Teil von Mira Manns künstlerischem Schaffen geworden. In ihren Arbeiten verbindet sie Verletzlichkeit und Stärke, wie etwa in ihrer Bronzeskulptur, in der aus den Abdrücken ihrer Fäuste eine Wirbelsäule entsteht.
Wir haben mit Mira über ihren Weg, ihre Kunst und die Inspiration hinter ihren Werken gesprochen.
Wie würdest du dich und deine künstlerische Arbeit beschreiben. Was steht im Zentrum deiner Kunst?
Ich beginne meinen künstlerischen Prozess oft bei meinem Körper, egal, ob ich Lyrik schreibe, an Musik und Performances arbeite, oder eine Skulptur realisiere. Mein Körper ist mein Ansatzpunkt, er gibt den flow vor, eben eine bestimmte Art und Weise, wie ich in Kontakt mit der Welt kommen kann. Ich will offen mit meiner Krankheit Multiple Sklerose umgehen und ich habe auch das Gefühl, dass die Krankheit meinen künstlerischen Schaffensprozess beeinflusst. Diesen Zusammenhang habe ich zum ersten Mal öffentlich gemacht, als ich meinen ersten Gedichtband bei dem traditionsreichen deutschen Lyrik-Verlag Parasitenpresse veröffentlicht habe. Es sind Gedichte aus den ersten zwei Wochen nach meiner Diagnose und sie tragen den Titel: Gedichte der Angst.
Du hast in Mailand an einer Bronzeskulptur gearbeitet: Worum geht es in diesem Werk und welche persönliche Bedeutung hat es für dich?
Ja, genau, ich durfte einen Monat lang im Rahmen einer Residency in Mailand leben und in der Fonderia Artistica Battaglia arbeiten. In dieser Zeit ist meine erste Bronzeskulptur entstanden. Als ersten Schritt in diesem Prozess arbeitet man mit flüssigem Wachs. Ich habe es mir in die rechte Hand gelegt und die Faust geschlossen und die Abdrücke, die das gemacht hat, habe ich zu Ringen geformt. Sie sind Symbole meiner Kraft, wenn ich durch schwierige Zeiten gehe, sind sie mein reminder.
Wann wurde bei dir MS diagnostiziert und wie hat diese Diagnose dein Leben beeinflusst?
Meine Diagnose war im Sommer 2017. Ich habe MS schon seit meinen Teenagerjahren und die Diagnose war für mich eine Erleichterung. Es gab auf einmal Erklärungen für meine Symptome, Medikamente und verschiedene Werkzeuge und Hilfsmittel. Ich habe infolge der Diagnose viel an meinem Lebensrhythmus und auch an meiner Perspektive auf das Leben im Allgemeinen geändert. Rückblickend würde ich sagen, dass meine Diagnose etwas Positives war.
Du bezeichnest dich als „Crip Aktivistin“. Was bedeutet dieser Begriff für dich und warum ist er wichtig für deine Positionierung?
Ich weiß nicht, ob ich das wirklich darf, mich als Crip Aktivistin bezeichnen, ob ich dafür genug tue. Aber ich ziehe viel Kraft daraus, mich mit anderen Künstlerinnen mit Behinderung zu verbinden und auch künstlerische Formen zu finden, über eine dadurch veränderte Wahrnehmung und Perspektive zu berichten. Für mich ist meine Krankheit Teil meines Lebens geworden, ich empfinde meinen Zustand nicht als mangelhaft, oder mangelhafter als irgendeinen anderen.
Du sprichst davon, chronische Erkrankung auch als Potential zu sehen. Was meinst du damit?
Es ist natürlich schon ein enormes Privileg dahingehend von Potential zu sprechen, das ist mir klar. Ich beobachte das auch bei anderen Künstlerinnen mit Behinderung, wenn ich in ihre Werke eintauche, wie viel Raum dort für neue Ideen und Herangehensweisen ist. Ich lerne viel aus dem Werk von beispielsweise Jerome Ellis, der sein Stottern auch als score für seine Kompositionen nutzt, oder aus den Texten von Kay Matter, der so pointiert und vielstimmig schreiben kann. Vielleicht ist das die Art Hyperfokus, kombiniert mit einer Offenheit für Fehler und alternative Wege.
Hat MS einen Einfluss auf deinen künstlerischen Prozess und deinen Alltag als Künstlerin?
Es ist einfach ein anderer flow würde ich sagen, ich muss meine Grenzen immer im Blick haben und wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Das kann auch toll sein, es schafft eine tiefe und respektvolle Verbindung zum Körper, ich mag das. Ich mache dann Pause, bekomme Distanz und Ruhe und wenn es wieder geht, dann gehe ich mit einem anderen Blick auf die Dinge zu.
Was möchtest du Menschen, die gerade mit MS diagnostiziert wurden, mitgeben?
Das kann ich nicht beantworten, das ist so persönlich und individuell. Vielleicht, auf die eigene Stimme zu hören und darauf vertrauen, vielleicht kann man das sagen.
Lernen Sie Mira Mann persönlich kennen
Gemeinsam eröffnen wir bei unserem MS-Café die Vernissage ihrer Bronzeskulptur, die im September 2026 in unserem Beratungszentrum zu sehen sein wird.
Außerdem erwartet Sie ein Fachimpuls mit praxisnahen Informationen für den Alltag mit MS. Beim anschließenden Buffet bleibt Zeit für Austausch und Begegnungen.
Wann? Montag, 7. September 2026 | ab 17:30 Uhr
Wo? Beratungszentrum der MS-Gesellschaft Wien | Hernalser Hauptstraße 15–17
Mira Mann
Die deutsche Autorin, Musikerin und transdisziplinäre Künstlerin Mira Mann bewegt sich an den Schnittstellen von Poesie, Musik und Performance. In ihren radikal persönlichen Arbeiten setzt sie sich mit Themen wie Krankheit, Sexualität, Mutterschaft und Identität auseinander und schafft Werke, die berühren, zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen.