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Katharinas Geschichte

Zwischen Funktionieren und Fühlen

Mit 19 Jahren erlebte Katharina Thorn ihre erste Sehnerventzündung. Die Diagnose Multiple Sklerose kam Jahre später, beinahe beiläufig, mitten im Übergang vom Bachelor ins Masterstudium.

Was folgte, beschreibt Katharina als ein Doppelleben: Nach außen funktionierte sie – leistungsstark, ehrgeizig, zielstrebig auf dem Weg in die Finanzwelt. Nach innen kämpfte sie allein mit der Diagnose, über die sie kaum sprach. Statt innezuhalten, machte sie weiter. Für ihr Umfeld blieb die Krankheit unsichtbar, aus Angst vor beruflichen Nachteilen und auch, um kein Mitleid zu erregen.

Jahre im Funktionsmodus

Dieses System funktionierte über Jahre. Bis es zusammenbrach. Rückblickend vergleicht Katharina diese Phase mit einem Bankkonto, von dem sie ständig abhebt, ohne jemals einzuzahlen. Pausen, Regeneration oder Selbstfürsorge hatten kaum Platz.

Mit Ende 20 kam der Wendepunkt: Ständige Infekte, mentale Erschöpfung und schließlich ein schwerer MS-Schub mit Krankenhausaufenthalt zwangen ihren Körper, die Notbremse zu ziehen.

Die Angst vor der Wahrheit

Als Katharina begann, ihre Diagnose wirklich anzunehmen, entschied sie sich für Offenheit. Sie erzählte ihrem Umfeld, was tatsächlich in ihr vorging und erlebte Überraschendes: Einschränkungen blieben aus, Gespräche mit ihrem Arbeitgeber verliefen verständnisvoll, private Beziehungen wurden enger und weniger belastend.

Vom Funktionieren zur Selbstfürsorge

Der Weg war kein schneller Heilungsprozess, sondern ein langsames Zurückkehren zu sich selbst. Katharina lernte, Verantwortung für ihr Wohlbefinden zu übernehmen: Ayurveda-Kuren, Psychotherapie, bewusste Ernährung, Bewegung und Entspannungsmethoden wurden Teil ihrer persönlichen Entdeckungsreise.

Der größte Schritt war jedoch innerlich. „Die Krankheit anzunehmen und Frieden mit ihr zu schließen, war entscheidend“, sagt sie heute.

Selbstfürsorge wurde ihr Leitmotiv und später auch ihre berufliche Ausrichtung. Heute gibt sie dieses Wissen als Trainerin für Angewandte Selbstfürsorge weiter.

Eine der tiefsten Erkenntnisse aus ihrer Erkrankung ist das Bewusstsein für Endlichkeit. „Jeder weiß theoretisch, dass das Leben endlich ist“, sagt sie. „Wenn man es wirklich fühlt, lebt man anders.“ Heute überlegt sie nicht lange: Wenn sie Lust auf etwas hat, tut sie es.

Abschied von alten Bildern

Besonders wichtig ist ihr, wie über Multiple Sklerose gesprochen wird. Viele verbinden die Krankheit automatisch mit negativen Bildern: Rollstuhl, Stillstand, Leid. Diese Vorstellungen hielten Katharina lange davon ab, sich wirklich mit ihrer Diagnose auseinanderzusetzen.

Doch dank moderner Diagnostik und Therapien sind viele dieser Bilder überholt. Mit ihrer Initiative „MS Miteinander Stark“ schafft sie Räume für Austausch – ohne Schwere, ohne Mitleid, ohne Klischees. Offenheit, Vertrauen und Lebensfreude stehen hier im Vordergrund.

Mut, der ansteckt

Heute lebt Katharina im Burgenland, nah an der Natur, langsamer und bewusster als früher. Nicht jeder Tag ist leicht, nicht jeder bringt Energie. Doch sie hat gelernt, auf sich selbst zu hören, Grenzen ernst zu nehmen und ehrlich zu sich selbst zu sein.

Ihre Geschichte lädt dazu ein, genauer hinzusehen, statt wegzuschieben; zu fühlen, statt nur zu funktionieren; und die eigene Perspektive zu verändern. Denn oft liegt gerade in den Momenten, die zunächst aussichtslos erscheinen, die besondere Chance, neue Wege für sich zu entdecken.

Die Mutmacherin Katharina Thorn beim Spaziergang an der Ostsee

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