Identifikation von Risikogruppen über Medikamenten-Verschreibung

Gesundheitsminister Rudolf Anschober gab am 2. April im Ö1-Morgenjournal bekannt, dass bis Ende der Woche Personen identifiziert werden, die im Falle einer COVID19-Infektion einem besonderen Risiko ausgesetzt sind. Wer arbeitet, müsse das nach Möglichkeit im Home Office machen oder bezahlten Urlaub erhalten. Konkret werden die Risikogruppen von den Krankenkassen ausfindig gemacht.

Bundesminister Rudolf Anschober, Foto: www.anschober.at

Gesundheitsminister Rudolf Anschober erklärte im Ö1 Morgenjournal, wie in den nächsten Tagen besonders Risikopersonen ausfindig gemacht werden sollen.

Freistellung als ärztliche Entscheidung

Die Freistellung werde laut Anschober grundsätzlich über die Medikamentation erfolgen. Versicherte, die relevante Medikamente erhalten, werden von ihrer Krankenkasse informiert. Besonders schwere Fälle sollten laut Anschober ihre Ärztin bzw. ihren Arzt konsultieren, um eine Entscheidung über eine bezahlte Arbeitsfreistellung zu erhalten. Die weniger akut gefährdeten Personen Personen erhalten einen Brief von ihrer Krankenkasse. Mit diesem sollen sich die Versicherten an ihren Arbeitgeber wenden und nachfragen, ob die Verrichtung der Arbeitstätigkeit im Home Office oder eine Freistellung möglich ist.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit „massiv reduzierter Immunabwehr“

Nach Angaben des Gesundheitsministers sollten die Anzahl und der Kreis der Betroffenen bis Ende dieser Woche bekannt sein, die Umsetzung der Maßnahme werde kommende Woche beginnen. Auf diese Weise könne man „den Betroffenen viel Sicherheit bieten“. Zur Risikogruppe zählen laut Anschober ältere Menschen in Pflege- und Pensionistenheimen, in denen es mehr Beweise und Zugangsbarrieren geben sollte.

Die zweite Gruppe umfasse Menschen mit einem „massiv reduzierten Immunsystem“, beispielsweise nach schwerem Krebs, nach schwerer Operation oder schwerem Diabetes. „Dann wird als nächster Schritt herausgearbeitet: Wer hat das allergrößte Risiko?“, erklärte der Gesundheitsminister.

Bei der praktischen Umsetzung sind noch viele Fragen offen, z.B. wie die Betroffenen vorgehen sollten, wenn sich ein Arbeitgeber weigert, die Empfehlung umzusetzen. Die Maßnahme solle Betroffene schützen, allerdings kann diese Vorgehensweise für eine Arbeitnehmerin oder einen Arbeitnehmer datenschutzrechtlich auch problematisch sein, wenn der Arbeitgeber dadurch möglicherweise erst von einer Erkrankung erfährt.
 
Wer tatsächlich freigestellt oder verpflichtet ins Homeoffice wechseln muss, ist am Ende auch eine Frage der medizinischen Bewertung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte vor Ort.
 
Genau auf diese Bewertung pochte auch die Österreichische Ärztekammer (ÖAK). In einer Aussendung warnte sie ausdrücklich vor der Identifizierung über die Medikationslisten der Krankenkassen. Weder verfüge die Sozialversicherung über alle notwendigen Daten, noch sei die Treffsicherheit bei den vorhandenen Daten gegeben. Dazu kämen auch noch datenschutzrechtliche Bedenken.

> BM Anschober im Morgenjournal

Medikationslisten nicht ausreichend für Identifizierung von Covid-19-Risikopersonen

Die Ärztekammer warnt ausdrücklich vor den Plänen des Gesundheitsministeriums, Covid-19-Risikopersonen über die Medikationslisten der Krankenkassen identifizieren zu wollen. Weder verfüge die Sozialversicherung über alle notwendigen Daten noch sei die Treffsicherheit bei den vorhandenen Daten gegeben. Dazu kämen auch noch datenschutzrechtliche Bedenken.

Zwar seien Initiativen zu begrüßen, Risikogruppen entsprechend zu erfassen und auch gezielt anzuschreiben und zu betreuen, nur müssten dazu auch geeignete Mechanismen verwendet werden, betont Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Er sieht vor allem die Unvollständigkeit der Daten als größtes Problem: „Viele Medikamente und Therapien, wie beispielsweise Chemotherapien, sind bei den Krankenkassen gar nicht aufgelistet, werden aber trotzdem in den Spitälern durchgeführt.“ Diese Patientinnen und Patienten würden vom System erst gar nicht erfasst werden.

Skeptisch ist Szekeres auch, ob es möglich sein wird, mittels Computerprogrammen und nur aufgrund der Medikation die tatsächlichen Risikopatienten herauszufiltern. Es gäbe zu viele Variablen, die jeweils von Fall zu Fall eingeschätzt und beurteilt werden müssten. Letztlich könnten, so Szekeres, nur die behandelnden Ärztinnen und Ärzte im direkten Kontakt mit ihren Patientinnen und Patienten einstufen, wer als Risikopatient anzusehen sei.

Jedenfalls sei es nicht sinnvoll, Patientinnen und Patienten durch Informationen aus den Medikationsdaten der Sozialversicherungen zu verunsichern. Die Regierung solle vielmehr unter Einschluss von ärztlichen Experten die Risikogruppen definieren, und dann wüssten die Ärztinnen und Ärzte schon, damit auch richtig umzugehen, so Szekeres.

Einbindung von Ärztinnen und Ärzten

„Um die tatsächliche Risikogruppe treffsicher zu identifizieren und zu informieren, braucht es das Wissen und das Know-how der Ärzte. Der Hausarzt kennt seine Patienten am besten und weiß über seinen Gesundheitszustand Bescheid. Die Medikation allein hat hier zu geringe Aussagekraft“, erklärte Peter Lehner, Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger, in einer Aussendung zum Vorschlag von Bundesminister Anschober, die Risikogruppen via Medikamentendaten der Krankenkassen zu erheben. Zudem müsse es noch eine genaue Liste der betreffenden Medikamente geben.

Nach der reinen statistischen Auswertung würden 24,13 % der österreichischen Bevölkerung in die definierte Risikogruppe fallen. „Es gilt, besonders gefährdete Personen zu identifizieren und zu schützen. Diese Auswahl funktioniert nicht über die Statistik. Sie kann nur ein Bestandteil sein. Neben dem Arzt müssen wir auch an die Eigenverantwortung der Menschen appellieren. Eine sinnvolle Umsetzung funktioniert im Teamplay: Gesundheitsministerium, Sozialversicherung, Arzt und Patient“, betont Lehner und ergänzt, dass eine vom Ministerium im Rahmen der Epidemie-Bekämpfung angeordnete Leistung der Ärzte vom Ministerium auch entsprechend abgegolten werden müsste.

> Corona-Info der Österreichischen Gesundheitskasse

> Corona-Info der Arbeiterkammer

Quelle: ORF.at, Ärztekammer, Dachverband der Sozialversicherungsträger

Bild: Frau liegt mit Tasse Tee im Bett, Text: Wir danken für jede noch so kleine Spende, damit wir Menschen mit Multipler Sklerose zuverlässig beraten und informieren können