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So geht´s pflegenden Angehörigen

//So geht´s pflegenden Angehörigen

So geht´s pflegenden Angehörigen

In Österreich sind rund 1,4 Millionen Menschen unmittelbar vom Thema Pflege betroffen. Am 16. August veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK) eine Studie über die Situation pflegender Angehöriger.

Symbolbild Pflege: Frau steht mithilfe eines Rollators neben einem Pflegebett, Credit: rawpixel, Pixabay

Forscherinnen und Forscher aus den Bereichen Pflegewissenschaft und Soziologie der Universität Wien haben unter der Gesamtleitung von Mag. Dr. Martin Nagl-Cupal in einer umfangreichen Studie die Situation pflegender Angehöriger in Österreich untersucht. Die Studienautorinnen und -autoren kamen zu dem Schluss, dass nicht nur pflegebedürftige Menschen, sondern gerade auch deren pflegende Angehörige Unterstützung benötigen. Diese seien nämlich oftmals großen Belastungen ausgesetzt.

Angehörigenpflege in Österreich Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke

Die Studiendaten lassen darauf schließen, dass in Österreich rund 950.000 erwachsene Menschen informell in die Pflege und Betreuung einer pflegebedürftigen Person involviert sind. Dies schließt sowohl die Hauptpflegeperson als auch jene Menschen aus deren privatem Umfeld mit ein, die auf die eine oder andere Art ebenfalls Verantwortung übernehmen. Zählt man jenen Personenkreis hinzu, der Pflegegeld bezieht, sind in Österreich rund 1,4 Millionen Menschen vom Thema Pflege unmittelbar betroffen.

Die Studienautorinnen und -autoren empfehlen unter anderem, Angehörige als zentrale Gruppe wahrzunehmen, wertzuschätzen und zu stärken. Zudem sollte die Angebotsvielfalt auch hinsichtlich Flexibilität ausgebaut, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf weiter gefördert, eine Valorisierung des Pflegegeldes sowie Sensibilisierung, Information und Beratung problemzentriert anboten werden.

Sobald jemand zu Hause pflegebedürftig wird, übernimmt nach wie vor die Familie in den meisten Fällen die Pflege und Betreuung für den pflegebedürftigen Menschen. Angehörigenpflege ist eine besondere Art der Pflege und beruht auf Faktoren wie Gegenseitigkeit, Emotionalität und bestehenden sozialen Beziehungen unter den Beteiligten. Angehörigenpflege ist allerdings nicht nur ein innerfamiliäres, sondern aufgrund seiner dominanten Stellung innerhalb der Versorgungslandschaft auch ein gesellschaftliches Thema. 75% aller Menschen in Österreich, die auf Unterstützung angewiesen sind, können diese im Bedarfsfall von einer nahe stehenden Person – von Familienmitgliedern oder guten Freundinnen bzw. Freunden – erhalten.

Mit der Übernahme der Pflege zu Hause wird meist sowohl dem Bedürfnis des zu Pflegenden als auch der pflegenden Angehörigen selbst entsprochen. Aktuelle Zahlen entsprechend nehmen 78% der pflegenden Angehörigen keine professionellen Dienste in Anspruch. Dies macht Angehörigenpflege zum weitaus größten „Pflegedienst der Nation“, ohne den die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen zu Hause nicht möglich wäre. Mit der nachstehend vorgestellten Studie, die von der Universität Wien – dem Institut für Pflegewissenschaft und dem Institut für Soziologie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz durchgeführt wurde, wird erneut der Blick auf diese Personengruppe gelegt.

Quantitativer Studienteil

Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter erfassten im quantitativen Studienteil die soziodemographischen Merkmale pflegender Angehöriger und Bezieherinnen und Beziehern von Pflegegeld, aber auch die Gründe für die Pflegebedürftigkeit, die Art und Häufigkeit der erbrachten Hilfen und die persönlichen Beweggründe der Pflegeübernahme. Darüber hinaus erhoben sie die negativen und positiven Aspekte der Pflege, das Wissen über und Erfahrungen mit der Inanspruchnahme von Hilfsangeboten, die Art, Häufigkeit und Dauer der Unterstützung bei Pflegeleistungen sowie die vorhandene und nicht vorhandenen Ressourcen pflegender Angehöriger. Zudem schätzten sie die Prävalenz (Kennzahl für die Häufigkeit) informeller Pflege durch pflegende Angehörige in Österreich.

Merkmale pflegender Angehöriger

Pflege durch Angehörige ist nach wie vor „weiblich“.

Der Anteil der Frauen beträgt in der häuslichen Pflege 73%, in der stationären Langzeitpflege 63%. Das Durchschnittsalter der pflegenden Angehörigen zu Hause und im stationären Bereich ist mit knapp über 60 Jahren ähnlich. Pflegende (Schwieger- bzw. Stief)Kinder sind die größte Gruppe pflegender Angehöriger (41% im Setting Zuhause; 55% in der stationären Langzeitpflege), bei einer Pflege zu Hause spielen aber auch (Ehe)Partnerinnen und (Ehe)Partner eine beinahe ebenso wichtige Rolle (35%). In beiden Settings sind mehr als 50% der pflegenden Angehörigen bereits in Pension.

40% der Angehörigen in der stationären Langzeitpflege sind erwerbstätig, Angehörige zu Hause knapp über 30%. Von den nicht Vollzeit erwerbstätigen Angehörigen gaben im Falle einer Pflege zu Hause 28% an, eine Berufstätigkeit wegen der Pflege bzw. Betreuung aufgegeben bzw. eingeschränkt zu haben. Die befragten pflegenden Angehörigen weisen in beiden Settings einen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich schlechteren subjektiven Gesundheitszustand auf.

Pflege- und Betreuungssituation

Während von den pflegenden Angehörigen zu Hause am häufigsten „mehrere Erkrankungen oder altersbedingter Kräfteverfall“ (42%; bei der Möglichkeit von Mehrfachnennungen) als Ursache der Pflegebedürftigkeit der gepflegten Person angeführt wird, spielt in der stationären Langzeitpflege eine „ärztlich diagnostizierte Demenz“ die größte Rolle (43%), knapp gefolgt von „mehreren Erkrankungen oder altersbedingtem Kräfteverfall“ (39%). Abgesehen von einer ärztlich diagnostizierten Demenz zeigen sich „gelegentliche Gedächtnisprobleme“ (z.B. Erinnerungs- und Erkennungsfähigkeit) des Pflegebedürftigen nach Angaben der befragten Angehörigen in der stationären Langzeitpflege deutlich häufiger (75%) als im Falle einer Pflege zu Hause (55%). Von den Angehörigen in der stationären Langzeitpflege gibt außerdem ein deutlich geringerer Anteil (29%) als in der Pflege zu Hause (49%) an, dass die pflegebedürftige Person weitgehend mobil ist.

Angehörige von zu Hause lebenden gepflegten Personen wohnen zu einem hohen Anteil (61%) mit diesen in einem gemeinsamen Haushalt. Ist dies nicht der Fall, können Angehörige die Gepflegten in der Regel schnell erreichen (62% innerhalb von 15 Minuten). Etwas geringer ist die rasche Erreichbarkeit in der stationären Langzeitpflege (47% innerhalb von 15 Minuten).

Mehr als die Hälfte der nicht im gleichen Haushalt lebenden Angehörigen gibt außerdem an, die gepflegte Person zumindest täglich aufzusuchen. Bei in der stationären Langzeitpflege betreute Personen verbringt im Durchschnitt die Hälfte der befragten Angehörigen bis zu drei Stunden pro Woche mit der gepflegten Person, 23% wenden wöchentlich vier bis sieben Stunden auf, 27% acht Stunden oder mehr. 13% dieser Angehörigen besuchen die gepflegte Person zumindest täglich. Bemerkenswert ist allerdings, dass knapp die Hälfte (48%) aller pflegenden Angehörigen zu Hause angeben, „so gut wie rund um die Uhr“ für die gepflegte Person da zu sein. Bei Angehörigen von Menschen mit Demenz beträgt dieser Wert 58%, bei Angehörigen pflegebedürftigen Minderjährigen sogar 86%. Diese Gruppe der pflegenden Angehörigen sieht sich demnach in einem permanenten Verfügbarkeitsmodus.

Soziale Unterstützungsleistungen (Gesellschaft leisten, Aufmuntern) werden von knapp der Hälfte der pflegenden Angehörigen im Durchschnitt täglich ausgeübt. Bei persönlichen Tätigkeiten (wie z.B. An- und Auskleiden, Körperpflege, Einnahme der Mahlzeiten, Verrichtung der Notdurft, Fortbewegung innerhalb der Wohnung) liegt der entsprechende Wert bei 23%, bei instrumentellen Verrichtungen (wie z.B. Einkaufen, Hausarbeit Zubereitung von Mahlzeiten, Vorbereitung von Medikamenten, Beaufsichtigen, Erledigung von Behörden- und Postwegen) bei 14%. Insgesamt werden im Falle einer Pflege zu Hause alle abgefragten Unterstützungsleistungen deutlich häufiger verrichtet als bei einer Betreuung in der stationären Langzeitpflege.

In beiden Pflege- und Betreuungssettings überwiegen intrinsische Motivationen für die Übernahme der Pflege bzw. das Aufsuchen im stationären Setting, vor allem Selbstverständlichkeit und starke emotionale Bindung gegenüber extrinsischen Motivationen wie Pflege als eine Verpflichtung sehen.

Negative und positive Aspekte der Pflege und Betreuung

Die Ergebnisse zeigen, dass das Belastungsempfinden von pflegenden Angehörigen zu Hause deutlich höher ist als im stationären Setting, wobei das Belastungsniveau von Angehörigen in der stationären Langzeitpflege ebenfalls hoch ist (48% versus 21% fühlen sich sehr stark oder stark belastet). Dies trifft sowohl auf alle im Fragebogen abgefragten einzelnen Belastungsdimensionen als auch für die Belastung insgesamt zu. Faktoren, die die Belastung erhöhen können, sind Demenz, Bettlägerigkeit, eine höhere Pflegegeldstufe und Minderjährigkeit der gepflegten Person.

Darüber hinaus wird deutlich, dass sich pflegende Angehörige in beiden Pflege- und Betreuungssettings häufig Sorgen machen, häufig das Gefühl haben, dass ihnen alles zu viel wird und sich häufig alleine gelassen fühlen.

Zu nicht unwesentlichen Anteilen leiden auch die Beziehung und der Kontakt zu nahestehenden Personen sowie die eigene Gesundheit durch die Pflege bzw. Betreuung.

In beiden Settings lassen sich positive Aspekt der Pflege feststellen, wobei Pflege zu Hause für Angehörige mit etwas stärkeren positiven Aspekten verbunden ist als im stationären Setting. Dies betrifft insbesondere die Aspekte einer intensiveren Beziehung zur gepflegten Person. Pflegende Angehörige geben aber auch häufig an, dass sie sich durch die Pflege gebraucht fühlen, etwas zurückgeben oder sich persönlich weiterentwickeln können.

Informelle und formelle Unterstützung pflegender Angehöriger

Bei jeweils einer deutlichen Mehrheit der pflegenden Angehörigen in beiden Settings ist zumindest eine weitere Person in die Pflege involviert. Im Falle einer Pflege zu Hause beträgt dieser Prozentsatz 67%, im stationären Setting 71%. Die sozialen Ressourcen pflegender Angehöriger sind im Allgemeinen gut ausgeprägt – am besten, was den Zusammenhalt in der Familie betrifft, aber auch emotionale Unterstützung durch die Familie ist häufig gegeben, ebenso wie das Vorhandensein einer persönlichen Bezugsperson im Bedarfsfall. Der Freundeskreis hat im Vergleich zur Familie eine etwas untergeordnete Rolle.

Betrachtet man die formelle und informelle Unterstützung von pflegenden Angehörigen insgesamt, so zeigt sich, dass in 34% der Fälle beides vorhanden ist, während 35% ausschließlich Unterstützung aus dem informellen Bereich bekommen und 12% ausschließlich durch formelle Angebote unterstützt werden. Liegt bei der gepflegten Person eine ärztlich diagnostizierte Demenz vor oder ist die Person bettlägerig, so erhöht sich der Anteil der formellen Unterstützung deutlich. Beinahe ein Fünftel aller befragten pflegenden Angehörigen (19%) bewältigt die Pflege allerdings alleine, ohne weitere formelle oder informelle Hilfe.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass bei zu Hause gepflegten Personen am häufigsten durch das private Umfeld für Ersatzpflege im Fall von Verhinderung bzw. bei Urlaub oder einer Auszeit gesorgt ist. Daneben spielt auch die Nutzung mobiler Dienste eine eher wichtige Rolle, die Möglichkeit der Kurzzeitpflege wird seltener genannt.

In der Befragung wurden auch die Inanspruchnahme und Kenntnis verschiedener informeller Angebote thematisiert. Die Ergebnisse zeigen, dass jeweils nur vergleichsweise geringe Anteile der befragten pflegenden Angehörigen von einer Inanspruchnahme bestimmter Angebote berichten. Jeweils ca. zwei Drittel der Befragten aus dem Setting „zu Hause“ kennen jedoch die Angebote „Kurzzeitpflege“ und „Tageszentrum“ und jeweils zumindest die Hälfte „Pflegekarenz bzw. Pflegekarenzgeld bzw. Pflegeteilzeit“, „Pflegefachberatung im Rahmen von Hausbesuchen auf Wunsch“, das „kostenlose Angehörigengespräch bei psychischer Belastung“ sowie „Familienhospizkarenz bzw. Familienhospizteilzeit“. Angehörige aus dem stationären Setting wissen zu 45% über das „BürgerInnenservice des Sozialministeriums“ und zu 41% über die „Online-Plattform des Sozialministeriums“ Bescheid (und damit geringfügig häufiger als Angehörige aus dem häuslichen Setting).

Wünsche der Angehörigen

Die Wünsche der pflegenden Angehörigen zur Verbesserung ihrer Situation sind Setting abhängig: Für Angehörige, die zu Hause pflegen, stehen finanzielle Aspekte, eine bessere Unterstützung bei der Bewältigung des Pflegealltags sowie die Möglichkeit, sich eine Auszeit von der Pflege nehmen zu können im Vordergrund.

Angehörige von Pflegegeldbezieherinnen und –beziehern in der stationären Langzeitpflege wünschen sich am häufigsten Personalaufstockung sowie eine Verbesserung der konkreten Pflegeangebote. Auch bezüglich des Wunschs, wie die Befragten im Bedarfsfall selbst gepflegt werden möchten, unterscheiden sich die pflegenden Angehörigen je nach Setting. Während zu Hause pflegende Angehörige selbst am liebsten zu Hause, durch Angehörigenpflege und mobilen Diensten gepflegt werden möchten (39%), werden von Angehörigen in der stationären Langzeitpflege alternative Pflegeformen (Wohngemeinschaften, betreutes Wohnen) am häufigsten genannt (36%). Diese alternativen Pflegeformen sind auch für etwas mehr als ein Viertel der zu Hause pflegenden Angehörigen vorstellbar.

Lediglich 11% der Angehörigen zu Hause möchten in der stationären Langzeitpflege gepflegt werden, im Vergleich zu 24% der Angehörigen in der stationären Langzeitpflege. Ohne die beiden Settings zu trennen, zeigt sich, dass von allen pflegenden Angehörigen 68% bei Bedarf gerne zu Hause gepflegt werden möchten.

Schätzung der an Pflege und Betreuung informell beteiligten Personen in Österreich

Auf Basis der vorliegenden Daten und unter Einbezug anderer Quellen kann geschätzt werden, dass in Österreich, ohne Berücksichtigung von 3,5% pflegender Kinder und Jugendlicher, rund 801.000 Personen zu Hause und 146.000 im Bereich der stationären Langzeitpflege auf privater Basis auf irgendeine Art und Weise in die Pflege und Betreuung eines anderen Menschen involviert sind. Das sind zusammen 947.000 Personen.

Zusammenfassung qualitativer Studienteil

Der qualitative Studienteil beantwortet drei Fragestellungen:

  1. Wie wird die Pflege eines pflegebedürftigen Familienmitglieds innerhalb eines familiären Netzwerks entwickelt und aufrechterhalten?
  2. Wie wird dabei mit unterschiedlichen Herausforderungen umgegangen?
  3. Wie werden Übergänge zwischen verschiedenen Pflegearrangements und -settings bewältigt?

Im Zentrum des qualitativen Studienteils steht der Prozess der Entstehung und Aufrechterhaltung von Unterstützungsnetzwerken. Die Grundvoraussetzung für das Entstehen eines Unterstützungsnetzwerks sind Familien- und Nahebeziehungen, innerhalb derer eine Art Grundverantwortung füreinander existiert. Dieses

Verantwortungsgefühl für den bzw. die Pflegebedürftige wurde von allen Interviewpersonen ausgedrückt und ist sowohl in Interviews von pflegenden  (Ehe)Partnerinnen und (Ehe)Partnern, Geschwistern oder Kindern, aber auch von Nachbarinnen und Nachbarn und Freundinnen und Freunden zu finden. Auch wenn das Verantwortungsgefühl in unterschiedlicher Intensität existiert, zeigte es sich als grundlegende Voraussetzung dafür,

dass ein Unterstützungsnetzwerk hergestellt werden kann.

Wenn eine nahestehende Person pflegebedürftig wird, so beginnt die Herstellung des Unterstützungsnetzwerks, innerhalb dessen bestimmte Rahmenbedingungen vorliegen:
  1. Bewusstsein als pflegende(r) Angehörige(r)
  2. Erwartungen und Motivationen
  3. vorhandene bzw. benötigte Ressourcen.

(1) Das Bewusstsein als pflegende(r) Angehörige(r) wird in einem komplexen und mitunter langwierigen Kommunikations- und Aushandlungsprozess hergestellt. Der Übergang von einer Angehörigenbeziehung zu einer „Pflegebeziehung“ war fließend; der Beginn dieses Prozesses konnte typischerweise erst im Nachhinein festgemacht werden. Die multiperspektivische Erhebung zeigte , dass einzelne Angehörige in einem Pflegenetzwerk oftmals ein unterschiedlich ausgeprägtes Bewusstsein dafür hatten, dass sie selbst pflegende Angehörige waren. Damit in Zusammenhang stand auch die Einschätzung über das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit seitens der Pflegebedürftigen selbst , die speziell bei Demenz oft nicht mit jener des Umfelds übereinstimmte.

(2) Zweitens wurden verschiedene Erwartungen und Motivationen in Bezug auf die Pflegetätigkeiten im Prozess der Herstellung verhandelt. Es wurden beispielsweise Erwartungen der pflegenden Angehörigen aneinander, Erwartungen der Pflegebedürftigen und Erwartungen des sozialen Umfelds in diesen Aushandlungsprozess miteinbezogen.Deutlich sichtbar wurde, dass Angehörigenpflege häufig keine Frage von Freiwilligkeit, sondern durchaus mit dem Gefühl normativer Verpflichtung verbunden ist. Es zeigte sich eine klare normative Hierarchie bezüglich der Frage, wer als „zuständig“ für die Übernahme von Pflegetätigkeiten gilt, die entlang der Kriterien Verwandtschaftsgrad, Geschlecht, räumliche Nähe, eigene Familiensituation bzw. Familienstand sowie berufliche Situation bzw. verfügbare Zeitressourcen verlief.

Die erste Pflegeerwartung richtete sich demnach an die (Ehe)Partner bzw. den (Ehe)Partner, sofern diese oder dieser gesundheitlich dazu in der Lage war. Erst wenn sie oder er körperlich oder psychisch nicht mehr zur Übernahme der Pflegetätigkeiten in der Lage war, wurde die primäre Pflegeerwartung tendenziell auf die nächste Generation verschoben. Erwartungen richteten sich zunächst eher an Frauen, an geographisch näher lebende Personen, an Personen ohne eigene Kinder, ohne Partnerin bzw. Partner sowie an Personen mit hoher beruflicher Flexibilität (z.B. selbständig tätige oder pensionierte Personen). Die Motivationen zur Pflege waren unter den befragten pflegenden Angehörigen sehr unterschiedlich.

Während für manche ihr Pflichtgefühl im Vordergrund stand, spielte für andere Fürsorgeleistungen, die sie einst von den Pflegebedürftigen erhalten hatten (z.B. Kinderbetreuung)  und die sie durch die Pflegetätigkeit zurückgeben konnten, eine größere Rolle.

Eine weitere Rahmenbedingung, die als zentral für die Herstellung des Unterstützungsnetzwerks eruiert wurde, sind die vorhandenen bzw. erforderlichen Ressourcen. Das sind einerseits im Unterstützungsnetzwerk gegebene Ressourcen und andererseits Ressourcen, die von den Unterstützungsnetzwerken erst generiert werden müssen. Beides umfasst sowohl materielle Ressourcen (z.B. adaptierbarer Wohnraum, Geld), aber auch immaterielle Ressourcen wie Zeit sowie psychosoziale Ressourcen, die zur Bewältigung von aufkommenden Emotionen, Konflikten und Stresssituationen aufgebracht werden müssen.

Die genannten Rahmenbedingungen wurden in einem Kommunikations- und Aushandlungsprozess verhandelt. Dabei waren die Kommunikationsformen in den einzelnen Unterstützungsnetzwerken sehr unterschiedlich. Genutzt wurden beispielsweise persönliche Treffen, Telefonate, E-Mails und vor allem Messenger-Apps, um über die Pflege des bzw. der gemeinsamen Angehörigen zu kommunizieren. Auch in Hinblick darauf, wie über Pflege gesprochen wurde, gab es Unterschiede zwischen den Unterstützungsnetzwerken. Während in manchen Unterstützungsnetzwerken über Pflegearbeit ähnlich wie Erwerbsarbeit betrachtet wurde, wurde in anderen Pflege eher als Liebesarbeit gesehen.

In der Herstellung des Unterstützungsnetzwerks entstehen Pflegearrangements, mittels derer die Pflege des bzw. der gemeinsamen Angehörigen bewältigt wird. Die Aufteilung der Pflege und Verantwortung zwischen den Angehörigen, die zum Zeitpunkt der Interviews in den verschiedenen Unterstützungsnetzwerken existierte, lässt sich in drei verschiedene Netzwerktypen einteilen, die sich je nach Rahmenbedingungen und Familienkonstellation unterscheiden. In den einzelnen Netzwerken wurden die Ereignisse, die zur aktuellen Pflegesituation führten, vergangene Entscheidungsprozesse und die Größe des Unterstützungsnetzwerks von den Angehörigen vielfach unterschiedlich beschrieben.

Im Netzwerktyp A , der als zentral organisiert bezeichnet werden kann, liegt die Koordination und Hauptverantwortung der Pflege klar bei einer Person; trotzdem sind zahlreiche Unterstützende notwendig, um die Pflege zu bewältigen. Im Netzwerktyp B ist die Hauptverantwortung zur Pflege auf mehrere Unterstützende gleichmäßig aufgeteilt, welche die Aufteilung der Pflege ähnlich beschreiben. Im Netzwerktyp C ist die Hauptverantwortung zur Pflege ebenfalls auf mehrere Unterstützende verteilt, welche allerdings die Aufteilung der Pflege unterschiedlich beschrieben.

Zusammenfassend zeigt die qualitative Untersuchung, dass sowohl die Herstellung als auch die Aufrechterhaltung der Pflege von Angehörigen ein dynamischer Prozess ist, der permanent in Veränderung ist und vielfältige Kompetenzen von jenen erfordert, die diese Aufgaben übernehmen. Zentrale Herausforderungen für alle Befragten waren der zeitliche und finanzielle Aufwand, die Hürden bürokratischer Prozesse sowie emotionale Herausforderungen.

Empfehlungen

Auf den Ergebnissen aufbauend lassen sich unter Einbezug der Erkenntnisse des Workshops mit Expertinnen und Experten der Pflege und der Angehörigenarbeit in Österreich folgende Empfehlungen zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen bzw. der Weiterentwicklung des österreichischen Pflegesystems darstellen:

  • Angehörige als zentrale Gruppe wahrnehmen, wertschätzen und stärken
  • Angebotsvielfalt, flexibel, kurzfristig und stundenweise abrufen können
  • Informationen und Beratung problemzentriert, proaktiv und zum richtigen Zeitpunkt anbieten
  • Ressourcenorientiert Beraten und Begleiten
  • Demenz als zentrale Herausforderung und starke Belastung weiter im Blick haben
  • Situation pflegebedürftiger Kinder stärker berücksichtigen
  • Alternative Betreuungsformen ausbauen
  • Vereinbarkeit von Pflege und Beruf weiter fördern
  • Valorisierung des Pflegegeldes und höhere Zuschüsse für vorhandene Dienste und Hilfsmittel
  • Rahmenbedingungen für geteilte und sichtbare Pflegeverantwortung schaffen

Quelle: Nagl-Cupal, M., Kolland, F., Zartler, U., Mayer, H., Bittner, M., Koller, M., Parisot, V., Stöhr, D., Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (Hg.) (2018): Angehörigenpflege in Österreich. Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke. Universität Wien.

Angehörigenpflege in Österreich – Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke – Endbericht (PDF, 19 MB)

Die Broschüre kann kostenlos über das Broschürenservice des Sozialministeriums unter der Telefonnummer 01/711 00-86 25 25 oder per E-Mail unter broschuerenservice@sozialministerium.at angefordert werden.

2018-08-17T17:10:54+00:00